Sonntag, 30. Juni 2013

Noch einmal das Glück

Es hat auch Vorteile, dass wir durch Sprache niemals auszudrücken vermögen, was wir fühlen. Denn daraus folgt, dass die Unglücklichen immer nur erahnen können, was es hieße, glücklich zu sein. Sie wissen nicht, was ihnen eigentlich fehlt. So bleibt ihnen wenigstens das Refugium der Zufriedenheit.

Jedem Glück ist immer auch etwas Unerwartetes und Überraschendes beigemeischt. Wenn all unsere Träume in Erfüllung gingen, wären wir deshalb noch lange nicht glücklich. Dann wäre lediglich eine Kalkulation aufgegangen. Glücklichsein bedeutet auch, dass Träume wahr werden, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie je träumten. Nur das Unerwartete befriedige vollkommen, schreibt Dávila. 
  
Auch wenn man nicht glücklich ist, sollte man sich doch immer auf die Seite derer stellen, die es sind. Um an dem Glück anderer nicht zu zerbrechen, bleibt uns nur ein Weg offen, nämlich der Weg der Mitfreude.




Samstag, 29. Juni 2013

Allzu irdisch

Die meisten Aliens, denen ich bisher begegnet bin, schätzen den Buddhismus sehr. Abgesehen von einigen metaphysischen Implikationen, die sie als allzu irdisch empfinden, freuen sie sich sehr darüber, dass diese Lehre das Leid aller leidensfähigen Wesen berücksichtigt. Damit können sie etwas anfangen. Über den Provinzialismus etwa eines Christentums, das den Menschen als die Krone der Schöpfung ansieht, können sie nur lachen. Aber sie sind auch nachsichtig, wissen sie doch, dass die meisten Rassen, die auf ihren Planeten die Vorherrschaft erlangen, zunächst davon ausgehen, etwas im Universum Einzigartiges zu sein. Dank den Aliens denke ich heute besser über die Menschen, denn mir ist bewusst geworden, dass nicht nur die liebe Affenbande, der ich angehöre, Unheil anrichten kann. Es scheint vielmehr dem natürlichen Gang der Dinge zu entsprechen, dass eine Rasse massive Probleme verursacht, sobald sie zu erkennen beginnt. Die Aliens betrachten die ökologische Bewegung auf der Erde mit anderen Augen. Sie deuten sie als den ersten ernstzunehmenden Versuch der Menschen, den notwendigen Ausgleich mit der Natur zu finden. Ähnliches habe sich schon auf vielen Welten ereignet.

Wenn ich nachts nicht schlafen kann, gehe ich gern spazieren. Der Anblick der Sterne stimmt mich fröhlich. Die Begegnungen mit den Aliens haben mich der allzu irdischen Weisheit schon arg entfremdet. Ich fühle mich als Kind des Universums, das seine Aufgabe darin sieht, den Bund zwischen allen Wesen vorzubereiten. Oft erwische ich mich dabei, wie ich mein Leben aus einer kosmischen Perspektive betrachte. Das wird sich wohl nicht noch einmal ändern. "Habe Vertrauen in die Menschen." Sie werden nie müde, mich aufzumuntern. Ich liebe sie. Doch wem könnte ich von ihnen erzählen? Mir glaubt ja doch keiner. Deswegen brauche ich diese Begegnungen auch nicht zu verheimlichen. Eine Wahrheit, die einem keiner abnimmt, kann man ohne weiteres aussprechen, weil sie für eine Lüge gehalten wird. Oder ein Spaß ...

Dienstag, 25. Juni 2013

Erntezeit

Sollte ich mich schämen, weil ich an die unendliche Schönheit einer jeden menschlichen Seele glaube? Ich kann es nicht mehr. Ich fühle so viele gute Dinge in mir reif werden. Jetzt ist Erntezeit. So viele Winterschlafe und Einsamkeiten hatte mein jung gealtertes Herz an irgendeinem verborgenen, von mir und der Welt schon fast vergessenen Ort zugebracht; doch all die Zeit hindurch reifte es, so wie ein guter Wein reift. Wen sollte es also verwundern, dass mein Glück anders schmeckt als das, was den meisten Menschen süß auf der Zunge liegt? Was mir auch widerfuhr, nichts davon war vergebens. Selbst die bittersten Erfahrungen betrachte ich als Ingredienzien, die nicht fehlen dürften, um den unvergleichlichen Geschmack dieses Glücks und dieser Dankbarkeit hervorzuzaubern. Tausende Weisheiten umlagern mich, bedrängen mich, dass ich sie doch endlich ins Wort setzen möge. Wie verspielte Kätzchen laufen sie mir überallhin nach, weichen keinen Moment von mir.

Montag, 24. Juni 2013

Nun lach' doch mal!

Nun lach' doch mal! Mit diesen Worten einer Mutter, gerichtet an ihr Kind, lässt sich einiges erklären, was für ein Verständnis unserer Beziehungen wertvoll sein kann. Die Mutter bemängelt an ihrem Kind, dass es nicht lacht. Anstatt sich des Lebens zu erfreuen, schaut es mit in sich gekehrtem Blick umher. Man merkt ihm an, dass es lieber woanders wäre. Was tut die Mutter? Sie will das Kind lachen sehen. Auf dieses Lachen kommt es ihr an, darauf, ihren Schützling als Sonnenschein preisen zu dürfen. Es interessiert sie nicht, wie es ihrem Kind geht. Keine Nachfrage, kein Trost, keine Umarmung. Nein, sie verlangt eine rein mechanische Äußerung der kindlichen Gesichtsmuskeln, damit sie sich selbst besser fühlen darf. Sie lässt sich auf ihr Kind gar nicht ein, sondern behandelt es wie ein Objekt, das zu funktionieren hat.

Kein Mensch ist an sich traurig. Es sind die Beziehungen zu anderen, die ihn traurig machen, ihre unbefriedigende Qualität oder ihr gänzlicher Mangel. Die Mutter steht in Beziehung zu ihrem Kind, aber sie versteht nicht, dass sie selbst im höchsten Grade dafür verantwortlich ist, dass es traurig ist. 

Sonntag, 23. Juni 2013

Misstrauen als Weltlosigkeit

Viele Leiden bleiben einem unbekannt, wenn man sich in sich selbst verpanzert. Doch der Schmerz, sich überhaupt verpanzern zu müssen, hängt doch traurig über all jener Sicherheit, die man auf diese Weise gewinnt. Der Diktator, der im Bunker sitzt und der trostlosen Melodie der Bomben lauscht, mag sicher sein. Aber er lebt in einer ihm feindlichen Welt. Er darf nicht die Wärme der Sonne auf seiner Haut fühlen, sondern muss sich mit dem künstlichen Schein einer Glühbirne abfinden. Wenn er noch oben blickt, darf er keinen weiten blauen Himmel über sich ausgespannt fühlen, sondern hat nur das schäbige Weiß der Bunkerdecke vor Augen. Kein Vogelzwitschern dringt an sein Ohr, sondern allenfalls das leise dumpfe Geräusch, wenn die Motte einmal mehr von der Glühbirne abprallt, in dessen sterile Flamme sie sich so gerne stürzen würde. Der misstrauische Mensch ist sicher. So sicher, wie der Boden sicher ist, auf dem er steht. Aber weiter reicht seine Welt nicht. Sein ganzer Lebensraum ist zusammengezogen auf die enge Zelle seines Bewusstseins.

Solange man misstraut, ist man kein Bewohner dieser Welt. Zwar atmet man ihre Luft, doch nur wie ein Dieb, der fürchtet, erwischt zu werden. Es stimmt nicht, dass man geheilt werden könnte, fände man nur den einen Menschen, dem man vertrauen könnte. Der Diktator bleibt auch dann ein misstrauischer Mensch, wenn er seine Geliebte mit in den Bunker holt. Geteilte Sicherheit bedeutet noch lange kein Vertrauen, wenn das Misstrauen allen anderen gegenüber fortbesteht. Wir machen uns verletzlich, wenn wir anderen vertrauen. Aber wir machen uns weitaus verletztlicher, wenn wir ihnen nicht vertrauen. Denn dann sind sie nichts anderes als Fremde für uns, deren dunkle Pläne wir nicht durchschauen, keine Menschen wie wir. Menschen wie wir können wir verstehen; wenn wir ihnen jedoch misstrauen, vergessen wir dies schnell. Dann entstellen wir sie zu Unmenschen und Ungeheuern. Mit Menschen, mit denen wir nicht mitfühlen können, verbindet uns nichts; deshalb werden sie leicht zum Spielball unserer verängstigten Phantasie. 

Sorgen

Sorgen beziehen sich immer auf etwas Zukünftiges, also auf etwas, das noch nicht eingetroffen ist. Deshalb ist der sich sorgende Mensch ein passiver Mensch. Er kann nichts tun, denn könnte er etwas tun, müsste er sich nicht sorgen. Wir sollten uns nur um das bekümmern, was wir durch unser Tun und Wirken verändern können. Alles andere können wir nur anbeten oder verteufeln, das heißt als unbesiegbare Autorität anerkennen.

Die Sorgen stehen selten in einem angemessenen Verhältnis zu dem, was sich  tatsächlich ereignet. Viele Sorgen sind überhaupt grotesk voluminös. Wie kommt es, dass wir es denn Sorgen gestatten, unsere Gegenwart mit Gedanken an eine Zukunft zu verdüstern, die sich ohnehin ganz anders darstellen wird? Warum opfern wir den Augenblick, in dem wir allein glücklich sein können, um an ein Morgen zu denken, das uns das Glück allenfalls zu versprechen vermag?

Nur im Jetzt können wir leben und wirken. Stellen wir uns einen Menschen vor, der glücklich gelebt und kaum jemals an die Zukunft gedacht hätte. Wie schwer könnte einen solchen Menschen ein Unglücksfall treffen? Was wäre vorzuziehen? Ein Leben in Sorge führen und es ohne größere Rückschläge vollenden? Oder es unter großen Schmerzen ganz verbrauchen im Kristallisationspunkt des ewigen Jetzt? Haben wir überhaupt diese Wahl?

Das Besorgende ist nicht nur noch nicht eingetreten, es ist zudem auch ungewiss. Wer sich sorgt, weiß nicht, was passieren wird, zieht einen ungünstigen Ausgang jedoch in Betracht. Anders verhält es sich, wenn wir wissen, dass uns etwas Schlimmes ereilen wird. Wir alle wissen, dass wir sterben werden. Darum brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, dass wir sterben könnten. Gleichzeitig glauben wir, dass unser letzter Tag noch lange nicht gekommen ist. Unser Tod ist gewiss, wir nehmen ihn für jetzt aber nicht als wahrscheinlich an. Jeden Tag könnten wir sterben, aber wir glauben nicht an den Tod - nicht an unseren Tod.

Oft empfinden wir Schuldgefühle gegenüber unseren Sorgen, weil wir ihnen zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht haben. Es beruhigt auf eigentümliche Weise, sich Sorgen zu machen. Das Ungewisse verschwindet, weil man den schlimmstmöglichen Ausgang bereits für feststehend annimmt. Da man vom Schlimmsten ausgeht, verliert die Ungewissheit ihre nervenzerfetzende Wirkung über uns. Das heißt nicht, dass irgendein Problem gelöst worden wäre, ganz im Gegenteil: Durch unsere Resignation wird es veredelt. Wir machen es zu einer Autorität über uns.

Freitag, 21. Juni 2013

Pfötchen

Ich danke dir, weil du nie an das Untier in mir glaubt hast, von dessen Existenz ich solange so inbrünstig überzeugt war. Du schrecktest nicht zurück, als ich dir von ihm mit gesenktem Blick erzählte, so als ob ich dir etwas zu beichten hätte. Nein. Du gabst mir zu verstehen, dass du nicht an meine Niedertracht glaubst. Ich dachte, dass du mich für meine Worte nur verachten könntest, doch du nahmst sie gar nicht ernst. Als ich all meinen Mut zusammennahm, sie zum ersten Male auszusprechen, lachtest du nur. Ob ich dir das übel nahm? Zunächst ja. Doch später begriff ich, dass du tiefer geblickt hattest. Danke. Du hast mir geholfen, mich in einen Atheisten des Bösen zu verwandeln. Ich glaube nicht mehr, ich sei ein böser Mensch. Wenn sich mein Untier heute noch ans Licht wagt, dann gibt es Pfötchen.

Donnerstag, 20. Juni 2013

Achtsamkeit

Mich interessiert nicht, was du denkst. Was du gelesen hast und wie du es in klingende Worte zu gießen verstehst. Nein, mich interessiert einzig und allein, was du tust. Oder besser: Du solltest dich dafür interessieren. Was tust du in genau diesem Augenblick? Du fragst dich jetzt vielleicht, wozu diese Frage gut sei. Warum fragst du dich das? Weil du darauf programmiert bist, nachzufragen, wenn du etwas nicht verstehst. Du bist es gewohnt, in einer bedeutungsvollen Welt zu leben. Aber ich bin nicht daran interessiert, mit dir ein anregendes Gespräch zu führen. Solange wir versuchen, uns einander zu erklären, sind wir nicht achtsam. Wer die Wahrheit sucht, kann nicht achtsam sein. Ich werde dich nicht auf eine neue Suche schicken. Du sollst dich in Achtsamkeit üben, nicht mit Worten um dich schmeißen. Was tust du? Du sitzt vor deinem Laptop und liest diese Zeilen. Ja, das tust du. Damit hast du meine Frage beantwortet. Wichtig ist mir, dass es auch die deine ist. Du kannst nicht für mich achtsam sein.

Du sitzt also vor deinem Laptop und versuchst, meinen Sätzen irgendeinen Sinn zu entlocken. Sei ehrlich zu dir. Noch einmal: Es geht nicht darum, dass du meine Fragen beantwortest. Sie sind nur Fingerzeige, auf die du eingehen kannst. Wie fühlst du dich? Bitte sag' jetzt nicht: Gut, danke. Das ist keine ehrliche Antwort, sondern die Versicherung, dass man sich um dich keine Sorgen machen müsse. Du willst mich mit dieser Antwort beruhigen. Doch wenn du ehrlich in dich hineinfühlst, was entdeckst du dann? Ein schlichtes rotwangiges Wohlbefinden? Oder nicht doch etwas ganz anderes? Bitte suche jetzt nicht nach einer Antwort, von der du meinst, dass sie mich zufriedenstellen könnte. Suche auch für dich selbst keine Antwort, die du, zum Beispiel als witzige Sentenz, überallhin mitnehmen könntest. Du kannst nichts mitnehmen. Nichts, was du jetzt fühlst, wird diesen Augenblick überlegen, es sei denn als Karikatur. Schon wenn du mir sagtest, was du fühlst, wärst du damit schon über dein Gefühl weit hinaus.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Der erste Flügelschlag

Die letzten Tränen,
Verspielt verteilt
Auf deiner Haut,
Der alten, jungen, schönen,
Sind geronnen zu Kristallen,
Darin ein Träumen,
Gebrochen und verfallen,
Sich der eignen Schönheit schämt.

 Sie hätten singen sollen,
Deine Seele.
Doch sie lernte es zu spät.
 Schon Nacht war es,
Als sie beschloss,
Den ersten Flügelschlag zu tun.

 
 



                                            





Dienstag, 18. Juni 2013

Autoritäten

Schon von Kindheit an sind wir es gewohnt, Autoritäten über uns zu haben. Zuerst sind es die Eltern, die uns manipulieren, das heißt erziehen. Dann kommen diverse Lehrer und Erzieher hinzu. Auch später, wenn aus uns Auszubildende, Studenten oder Arbeitnehmer geworden sind, bleibt es dabei: Immer haben wir jemanden über uns, von dessen gütigem Urteil unser Fortkommen abhängt. Selbst die Freiesten müssen sich Gesetzen beugen, die sie nicht beschlossen, und eine Politik erdulden, die sie mit ihrer Stimme nicht unterstützt haben. Wer seid ihr eigentlich, dass ihr über uns regieren dürftet? Wie könnt ihr euch anmaßen zu meinen, ihr könntet uns irgendetwas beibringen? So fragen sie. 

Die Dozenten sagen nicht: Ich will dir helfen, damit du deinen Weg findest. Sie sagen: Wir möchten, dass du in unsere Sprechstunde kommst, damit wir noch einmal über die Arbeit reden können. Damit du die formalen Vorgaben kennst, einhältst und weißt, wie viele Bücher du mindestens in deinem Literaturverzeichnis aufführen musst. Unter diesen Vorzeichen mag es nicht verwundern, dass viele Menschen es als ganz natürlich ansehen, ja sogar darauf bestehen, beherrscht und ausgebeutet zu werden. Sie kennen es eben nicht anders. Immer war ja jemand da, der ihnen gesagt hat, was sie tun sollen. Dies verrät sich ganz naiv in Formulierungen wie dieser: An irgendetwas muss der Mensch ja glauben. Dass es irgendeine Autorität geben muss, haben diese Menschen derart verinnerlicht, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen können, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie wissen nicht, was es heißt, nur den Himmel über sich zu fühlen.

Sonntag, 16. Juni 2013

Die Wüste des Schweigens

Wenn wir besser über die Menschen dächten, hätten wir keinen Grund mehr, Angst vor ihnen zu haben. Die Gefahr, dass uns eine gefährliche Wahrheit über die Lippen rutschen könnte, würde dann nicht mehr bestehen. Und wenn sie doch einmal ans Licht käme, so wäre diese Wahrheit alles andere als gefährlich. Sie wäre schön. An jemanden mit einem warmen Lächeln denken zu können, ist ungemein befreiend. Warum verschwenden wir unsere Zeit, um uns einander unsere Fehler vorzurechnen? Warum denken wir so viele destruktive Gedanken, von denen wir doch wissen, dass wir sie niemals werden äußern können, ohne uns Feinde zu machen? Also wächst die Wüste unseres Schweigens ... Ein großer Teil unseres Unglücks erklärt sich aus der Undiszipliniertheit, mit der wir zu denken pflegen. Wir können denken, was wir wollen, denken aber meist nur, was wir eben denken. Jedem Zweifel wird sofort das Türchen aufgemacht. Man gibt ihm gerne die passenden Worte, in die er sich wie in einen gut gefütterten Pelzmantel kleidet. Dabei könnten wir ebenso gut jene Gedanken kultivieren, die uns und anderen guttun. Die uns ein wenig mehr in einen jener Menschen verwandeln, an die man mit einem Lächeln denken mag.

Samstag, 15. Juni 2013

Sieben Minuten

Seit Hannie dem Debattierklub beigetreten war, hatte sich ihre Beziehung zu Felice sehr verändert. Schon bei ihrem ersten Besuch entdeckte Hannie ihre Leidenschaft für's Debattieren. Sie galt zwar als eher schüchtern und verschlossen, doch wenn sie fühlte, wie die gespannten Blicke auf ihr lagen, verwandelte sie sich. Die Erfahrung, dass sich jeder aufmerksam ihrer Worte anhören würde, war ihr völlig neu. Es war ihre Redezeit, sie konnte damit machen, was sie wollte. Wenn sich ein Mitglied der Opposition hinstellte und den Arm hob, um eine Zwischenfrage zu stellen, konnte sie ihn einfach warten lassen. Sie genoss es, die Redner der Opposition, die ihr so gerne widersprochen hätten, nicht zu Wort kommen zu lassen. Das gab zwar Abzüge in ihrer Wertung, doch das kümmerte sie wenig. Sie empfand ihr Verhalten alles andere als unfair. Sie hatte genug gelitten, jetzt sei sie eben an der Reihe. Sie bestand darauf, dass man ihr und nur ihr zuhörte. Normalerweise interessierte sich fast niemand für das, was in ihrem Kopf vorging. Mit Ausnahme von Felice. Diese sieben Minuten aber würden ihr und nur ihr gehören, von der ersten bis zur letzten Sekunde.

Nach der ersten Debatte unterhielten sich Hannie und Felice über Sinn und Unsinn des Debattierens. Sie waren den anderen Debattanten in deren Stammlokal gefolgt, um die losen Kontakte, die aus ihrem Besuch entstanden waren, gleich ein wenig festzuzurren. Den Tisch teilten sie mit mit Damian, einem ambitionierten BWL-Studenten, der zuvor mit großer Inbrunst für den moralischen Wert der Prostitution argumentiert hatte. Felice langweilte sich schnell, während Hannie Damian nach jeder seiner Klausurnoten des vergangenen Semesters fragte, um nur irgendwie in ein Gespräch hineinzukommen. Der genoss es sichtlich, von sich das Bild eines werdenden Leistungsträgers aufzubauen. Kurzum, Hannie und er verstanden sich sehr gut, allerdings ohne einander etwas zu sagen zu haben. Endlich, nachdem sie ihre dritte Zigarette verbraucht hatte, mischte sich Felice ein. "Wenn ich diskutiere, dann möchte ich auch meine eigene Meinung vertreten und nicht einer Partei zugelost werden. Zwar halte ich es auch für wichtig, die andere Seite ernstzunehmen, ich würde aber niemals für eine Sache streiten, an die ich nicht glaube." Dieses Argument kannte Damian. Gelassen und selbstbewusst erwiderte er: "Ein Debattierklub íst ein Ort, an dem du deine Selbstdarstellung verbessen, an deiner Rhetorik feilen und viele interessante Leute kennenlernen kannst. Wenn du an deinen Meinungen klebst, bist du hier falsch. Dann solltest du lieber in die Politik gehen." Diese Worte verletzten Felice. So als suchte sie Hilfe, blickte sie in Hannies Richtung. Ihre Freundin aber schaute Damian mit leicht geöffnetem Mund von der Seite an. Scheinbar wollte sie etwas sagen, doch als ihr Felices Hilflosigkeit bewusst wurde, hielt sie ihre Worte zurück. Das junge Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden.

Die nächsten Wochen ging Hannie allein zum Debattierklub. Felice hatte zwar ein vernichtendes Urteil über Damian und einige andere Klubmitglieder gesprochen, sie unter anderem als oberflächlich und eingebildet bezeichnet, doch Hannie berührten diese Worte überhaupt nicht. Im Gegenteil glaubte sie, dass es Felice schlicht an dem nötigen Selbstbewusstsein mangele, um beim Debattieren glänzen zu können, und dass sie deswegen so schlecht über den Klub dachte. Sie nahm sich vor, Felice dies zu sagen. Doch ihren Vorsatz vergaß sie schnell, spätestens dann, als sie ihren zweiten Auftritt hatte. Damian war auch wieder da. Er lachte sie an. Nicht nur er. Vielleicht zum ersten Mal wurde ihr bewusst, wie attraktiv sie eigentlich war. Es war ihr egal, für welche Seite sie streiten sollte. Man würde ihr zuhören. Jedes ihrer Worte mit Wohlgefallen prüfen und, wenn es sein musste, hart kritisieren. Aber selbst die Kritik nahm sie gern an, erblickte sie in ihr doch so etwas wie Neckerei. Was sich neckt, das liebt sich. Alle widersprachen, sprich: neckten sie, ergo: Alle liebten sie. Mit einer unglaublich gehobenen Stimmung verabschiedete sie sich gegen zwei Uhr von Damian, Ilja und Stefan. Alle drei hatten ihr ihre Nummern gegeben. Unschlüssig, wen sie anrufen sollte, torkelte sie durch die bis dahin glücklichste Nacht ihres Lebens. Glücklichere würden folgen, da war sie sich sicher. Vor allem weniger einsame.

Sie ärgerte sich, ihr Glück nicht mit Felice teilen zu können. Diese hatte es vorgezogen, einen ruhigen Abend zu Hause zu verleben. Hannie ging ihren Gefühlen nach, ordnete sie. Zunächst wollte sie es sich nicht eingestehen, doch es stimmte: Sie empfand Felice als Last, als Bremse ihres Glücks. Solange sie sich selbst zurückgenommen und sich auf einer schüchtern-liebenswerten Stufe mit Felice gesehen hatte, war ihr dieses Gefühl noch nicht untergekommen. Also immerhin schon über sieben Jahre nicht. Sie begann, sich Fragen wie die folgenden zu stellen. War Felice im Grunde nicht ein seltsames Mädchen? Kann man mit einem Menschen mit latent depressiver Charakterstruktur überhaupt befreundet sein, ohne sich selbst runterzuziehen? Wie soll eine Freundschaft lebendig bleiben, wenn man nur das Leid des anderen teilen kann, mit dessen Glück und Euphorie aber nichts anzufangen weiß?

Freitag, 14. Juni 2013

Sentimentalität

Über die Liebe zu schreiben, setzt immer schon den Mangel an Liebe voraus. Denn unweigerlich muss man sich fragen, wie das, was man schreibt, wirkt. Solange ich mir diese Frage stellen, kann ich den Menschen, dem ich schreibe, nicht lieben. Die ruhig abwägende, nach idealem Ausdruck verlangende Ambition zerstört jedes Gefühl. Sentimentalität bedeutet, dass man nach Worten sucht, um ein Gefühl auszudrücken. Dieses Suchen ist möglich, weil sich das Gefühl nicht spontan und ungezwungen in Worte gießen darf. Immer muss es zunächst den Kontrollposten der sprachlichen Selbstzensur passieren, was oft mit vielen Schikanen verbunden ist. Dadurch verliert es seine Unmittelbarkeit und Wahrheit. Weil wir nicht lieben können, legen wir so viel Wert auf die Sprache. Mit ihrer Hilfe vermögen wir den Eindruck zu erwecken, wir würden aus ganzem Herzen lieben, obwohl wir innerlich schon lange tot sind und jedes Wort peinlich genau abgewogen haben. 

Sobald man merkt, dass man nach den richtigen Worten suchen muss, darf man sich sicher sein, dass man sie nicht finden wird. Man fühlt dann nichts. Wie schön die Worte auch sein mögen, die uns dann über die Lippen gehen, sie werden falsch und leer sein. Sie sind eben nur schön. Dass wir tatsächlich etwas fühlen, ist selten. Vielleicht sollten wir uns das einfach eingestehen und andere nicht verurteilen, weil sie "gefühllos" sind. Wir sagen so vieles, das unserem Gefühl widerspricht, nur um andere nicht zu verletzen und uns selbst zu beruhigen. Wir sind unaufrichtig, weil wir nicht wahrhaben wollen, dass die Gefühllosigkeit, die wir an anderen tadeln, unsere eigene ist. Ja, es ist wirklich so schlimm um uns bestellt. Aber sollten wir uns deshalb gleich aufhängen?

Donnerstag, 13. Juni 2013

Nie aufgehört

Warum schreibst du, dass du komplett versagt hättest? Wir versagen, weil wir unseren Ansprüchen nicht gerecht geworden sind. Aber müssen wir den Ansprüchen denn unbedingt gerecht werden, um uns gut fühlen zu dürfen? Unsere Biographien sind verworren, unzusammenhängend und rätselhaft. Viele Erinnerungsfetzen warten noch darauf, entdeckt und geborgen zu werden; anderes wird sich unserem Geist wohl auf ewig entziehen. Na und? Wir leben jetzt, genau in diesem Augenblick! Wir atmen. Unsere Herzen schlagen. Ja, tatsächlich! Kannst du es spüren? Du lebst, weil es jetzt schlägt, nicht vor einigen Jahren oder Monaten. Es hat nie damit aufgehört. Auch in den schwärzesten Stunden hatte dein Herz immer fleißig seine Pflicht getan, denn immer wusste es: Da kommt noch was! Deine Verzweiflung behauptete zwar, dies Herz sei gebrochen; doch das waren nur Worte. Es lebt, es tanzt, es schlägt - heute mehr denn je!

Wenn dich deine Tochter anlächelt, blickt sie dann in das Gesicht einer Versagerin? Natürlich nicht! Sie ist glücklich, dass sie dich hat. Sie lässt dich nicht über die Klinge irgendeines kalkulierendes Anspruchsdenken springen. Ihr Blick ist noch frisch, ungebrochen, klar. Sieht sie denn weniger als jene, von denen man sagt, dass sich wissen, wie der Hase läuft? Weniger als jene, die resigniert in ihren Winkeln hocken und die Welt mit ihren immergleichen Sprüchen ausdeuten? Hast du nur ein kleines, unwissendes Wesen vor dir, wenn du sie anschaust? Oder glänzt in ihren Augen nicht etwas ganz anderes, eine tiefere Weisheit? Du nennst sie deine kleine Lehrmeistern. Sie hat dir mit einem Lächeln tief ins Herz gesehen, tiefer noch als selbst das verletzendste Wort jemals dringen könnte. In jenes Herz, das nie zu schlagen aufgehört hat ... Spürst du es?

Dienstag, 11. Juni 2013

Reinkommen!

Woher kommt dieser merkwürdige Drang, jede Frage erst auf einer theoretischen Ebene zu beantworten, bevor man sich ins kalte Nass der Wirklichkeit zu stürzen wagt? Das Leben ist anders. Es ist dreckig, widersprüchlich, traurig und schön. Wir sollten unsere Ahnungslosigkeit fröhlich bekennen. Wenn du jemanden triffst, der sich an einer Aufgabe versucht, an der er scheitern muss, lass' ihn scheitern! Ermuntere ihn noch dazu! Nähre ihn mit falschen Hoffnungen! Es ist wichtig, zu scheitern! Die Grenzen, die wir meinten, auf ewig sichern zu müssen, haben ihren Schrecken längst verloren. Verrückt alle Grenzsteine! Reißen wir Horizonte ein! Unter welchen Himmeln werden wir noch wandeln? Welche Lieder werden wir einst singen? Von welchen Hoffnungen werden unsere Melodien erzählen? Hört ihr sie schon? Leise? In euren Herzen? Wer wüsste heute schon zu sagen, was das Wort Liebe einmal in unserem Munde bedeuten wird? Hass? Glaube? Wir kennen uns ja gar nicht! Wollen wir uns denn kennenlernen? Wichtig ist nur, dass wir anfangen, irgendwo und irgendwie. Es muss kein schöner Anfang sein. Dass wir reinkommen, darauf kommt es an. Ein Zeichen setzen! Das Revier markieren! Saubermachen können wir auch noch hinterher!

Montag, 10. Juni 2013

Schöne Seele

Eine schöne Seele nimmt sich, was sie braucht. Ihr Nehmen ist seliger als das Geben aller Anständigen zusammen. Sie zieht keine Lust daraus, die Grenze irgendeines Anstandes einzurennen. Es ist ihr gleichgültig, was man über sie denkt. Sie ist radikal aufrichtig gegenüber sich selbst; das genügt ihr. Nichts ist ihr peinlich, weil sie die Wahrheit liebt. Sie adelt, indem sie verbraucht, was und wen sie will.

Samstag, 8. Juni 2013

Da sein

Niemand hat das Recht, einen anderen bis in die letzten Winkel seiner Seele hinein mit unbedingten Forderungen zu tyrannisieren. Mitgefühl, Selbstaufopferung, absolute Hingabe. Mit nur scheinbar harten Worten muss man den unbedingt Fordernden zu verstehen geben, dass kein Mensch wirklich für einen anderen da sein kann.

Sonntag, 2. Juni 2013

Auf Distanz

Wenn wir denken, erzeugen wir eine Distanz zwischen uns und dem, was wir denken. Auf diese Weise gewinnen wir einen Sicherheitsabstand, der uns schützt. Wir abstrahieren von der Welt und setzen uns mit Karikaturen auseinander. Der ganze, lebendige Mensch ist verschwunden, zermalen im Mühlrad des Denkens. Was bleibt, sind Worte, tote, leere Worte.

Solange wir nur denken, können wir uns nicht verändern. Denn Denken bedeutet, auf Distanz zu sein. Solange wir uns selbst distanziert gegenüberstehen, müssen wir uns fremd bleiben. Wir sind nicht wir selbst, sondern allenfalls unsere eigenen interessierten Beobachter. Solange wir uns fragen, ob wir uns schon verändert hätten, haben wir uns noch nicht verändert, denn wir sind nach wie vor von uns selbst getrennt. Wenn wir unserem Ideal gerecht werden wollen, müssen wir es vergessen. Denn solange es uns gedanklich beschäftigt, sind wir von ihm getrennt, und solange wir von ihm getrennt sind, laufen wir ihm - und damit auch uns - hinterher.

Freitag, 31. Mai 2013

Die ewige Verwandtschaft

 Hat je ein Mensch so empfunden?

Ich liebe dich, aber ich kenne jemanden, der dich inniger liebt, als ich es jemals könnte. Dieser Mensch gefällt mir ausnehmend gut. In seiner Nähe fühle ich mich wohl. Bitte lerne ihn kennen! Mich selbst könnte ich auch durch die Liebe zu einer anderen lieben. Nichts würde mich glücklicher stimmen, als dich glücklich zu sehen. Hast du nicht selbst gesagt, dass alle Dinge eins seien? Erinnerst du dich noch daran? Wenn es sich so verhält, wie könnte Eifersucht dann möglich sein? Wir sehr wir uns auch voneinander entfernt und entfremdet haben mögen, die ewige Verwandtschaft zwischen uns vermag nichts aufzulösen. Alles Getrennte ist nur ein Gleichnis. Wir sind eins. Du bist ich. Ich bin du. Ob du mit ihm gehst oder mit ihm, darauf kommt es nicht an. Nichts kann uns auseinanderbringen, verstehst du? Nichts.

Mittwoch, 29. Mai 2013

Zuhören

Es ist keine Hilfe, wenn man zwanghaft versucht, jemanden auf das Licht am Ende irgendeines metaphorischen Tunnels hinzuweisen und zu sagen: Schau' nur mal genauer hin! Es ist besser, tieftraurig, als zwanghaft optimistisch zu sein. Ja, manchmal ist es sogar schön, seine Seele anzuschneiden, um die angestauten Hoffnungen und Träumereien aus ihr herausbluten zu lassen. Es ist keine Hilfe, die eigenen Erfahrungen zu universellen Prinzipien zu verallgemeinern und sie anderen unter die Nase zu reiben. Jeder Mensch ist verschieden. Warum ist das so schwer zu begreifen? Wenn ihr helfen wollt, dann lasst euch zuerst Ohren für die tausendfältigen Regungen menschlichen Leids und Glücks wachsen! Hört den Menschen zu, aber sagt ihnen nicht, was ihr an ihrer Stelle tun würdet. Versucht nicht, mit grobfingrigen Ratschlägen in ihr Schicksal hineinzulangen. Fühlt ihr euch nicht bedrückt, wenn sie euch aus ihrem Leben erzählen, jene leidenden, gequälten Wesen? Wünscht ihr euch nicht manchmal, dass sie von der Erdoberfläche verschwinden mögen? Wisst ihr die verborgene Verachtung aus eurer Güte herauszulesen, wenn ihr sagt, dass ihr diesen Menschen helfen wollt? Ihr wollt ihnen helfen, damit sie aufhören, euch durch ihr pures Sein zu empören. Ihr wollt ihnen helfen, um sie zu verändern, um sie nicht so akzeptieren zu müssen, wie sie sind.

Leiht den Menschen, denen es nicht gut geht, euer Ohr. Hört ihnen zu, damit sie erfahren, dass sie nicht allein sind. Nötigt sie nicht dazu, euch für etwas zu danken, das ihnen nicht weiterhelfen kann. Erwartet von ihnen nicht, dass sie euch danken. Verallgemeinert nicht, zieht keine voreiligen Schlüsse, schwatzt sie nicht zu. Wenn ihr ihnen wirklich zuhört, dann werdet ihr dafür keine Dankbarkeit erwarten. Vielmehr werdet ihr eure Dankbarkeit ausdrücken wollen. Denn es ist ein Glück, einen Menschen hören zu dürfen. Nicht nur seine Einsamkeit wird dadurch einen Sprug abbekommen, sondern auch die eure.

Montag, 27. Mai 2013

Zärtliche Maschinen

Könnte es etwas Traurigeres geben, als eine Kontaktanzeige oder eine Partnerseite? Es ist so, als ob sich das Vieh selbst auf dem Markt anböte. Mit einem Schild um den Hals: Bin anspruchslos, verständnisvoll, einfühlsam. Man macht sich selbst zur Ware und versucht, sich im bestmöglichen Licht zu präsentieren. Sein Angebot unterbreitet man nicht einer bestimmten Person - das bedeutete ja schon eine Monopolstellung, sprich: Liebe -, sondern an alle Teilnehmer auf dem Markt unbefriedigter affektiver Bedrüfnisse. Aber wie soll ein Angebot, die sich an alle richtet, Sympathie erwecken? Ich empfinde Menschen, die sich anpreisen, als unsympathisch. Es ist, als ob man jemandem  beim Selbstgespräch zusehen würde. Er mag sehr interessant, weitschweifig und blumenreich reden, aber warum sollte das jemanden interessieren? Wenn er so viele gute Eigenschaften hat, warum muss er dann überhaupt eine Kontaktanzeigen aufgeben? Warum kann ein solcher Mensch denn nicht einfach schreiben: Ich brauche jemanden, der mich liebt. Ich fühle mich verdammt einsam. Ich will nicht alleine sterben, deshalb brauche ich dich, um mich an dich zu schmiegen und von dir bestätigt zu werden. Wenn ich dir sage, dass ich dich liebe, nimm' es bitte nicht persönlich, okay? Es geht nicht um dich, sondern um mich, um meine unerfüllten Sehnsüchte. Wenn du bereit bist, dies zu akzeptieren, würde ich mich sehr über deine Nachricht freuen.

Viele Menschen betrachten sich selbst wie Maschinen, die Zärtlichkeit und Geborgenheit erfahren müssen, um nicht zu zerspringen. Ihr Denken ist ganz mechanisch und reptilisch. Sie glauben wirklich, dass sie nicht leben können, wenn niemand da ist, der ihnen diese Dinge gibt. Einem gefährlicheren Irrtum kann man nicht aufsitzen, denn er treibt zwangsläufig in die Abhängigkeit. Diese Menschen sind entweder geknechtet von dem Wahn, dass sie unbedingt eine Beziehung eingehen müssen, oder sie hängen beklommen an ihrem Partner, weil sie fürchten, dass sie ihn wieder verlieren könnten. Wenn man nicht alleine zurechtkommt, wird man auch in einer Partnerschaft nicht zurechtkommen. Wenn ich mir eingestehen muss, dass ich einen Partner brauche, um nicht zu verzweifeln, dann habe nichts weniger verdient, als einen Partner.

Samstag, 25. Mai 2013

Auf gar keinen Fall

Ich habe zu wenigen Menschen das Geschenk meiner Schwäche gegeben. Es fällt anderen schwer, sich in mich einzufühlen, weil ich ihnen nichts über mein Leben zu erzählen vermag. Deshalb bleibe ich als Mensch unwirklich, verschwommen, so als ob ich bloß eine flüchtig aufs Papier geworfene Skizze wäre, die sich leicht wieder ausradieren ließe. 

Wenn man Nietzsches Biographie glauben will, dann wusste er schon mit sieben Jahren, dass ihn niemals ein menschliches Wort erreichen würde. Selten hat mich ein Satz so sehr erschüttert. Ich habe Angst, dass Nietzsches Einsamkeit auch die meine sein könnte. Wie ein Fisch unter meterdickem Meereseis übe ich mich in dem Glauben, dass es da irgendwo einen Himmel, Wolken, Monde, leuchtende Sterne und wärmendes Sonnenlicht gibt. Ich kann mich mit der Aussicht, einmal als solch ein Fisch sterben zu müssen, auf gar keinen Fall abfinden. Selbst wenn sie sich als wahr herausstellen sollte, dürfte sie doch nicht wahr sein! Ich werde nicht bis zuletzt hoffen! Ich werde leben!

(geschrieben vor zwei Tagen)

Freitag, 24. Mai 2013

Dienstag, 21. Mai 2013

Misstrauen

Damit sich zwei Menschen verständigen können, müssen sie eine gemeinsame Verständigungsgrundlage finden. Wenn nun ein vertrauender auf einen misstrauischen Menschen trifft, muss sich der erstere sich selbst unterbieten, um verstanden werden zu können, weil er sonst ein zu großes Unbehagen bei seinem Gegenüber hervorrufen würde. Er muss das Gute, der er gerne geben würde, für sich behalten, es verzerren und verleugnen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sein Licht soweit abzudunkeln, dass es den anderen nicht mehr blenden kann. Diese Selbstverdunkelung und - verdüsterung ist weitaus anstrengender, als dem anderen offen und herzlich zu begegnen - aber gerade ein solches Verhalten würde dem Misstrauischen skeptisch werden lassen und ihn abschrecken.

Ich weiß nicht, ob diese Gedanken das Wesentliche treffen. Denn vermutlich ist es egal, was der andere denkt und fühlt, wenn man sich selbst und damit auch anderen vollkommen vertrauen kann. Dann weiß man, dass man nur das Beste will und sagt es frei heraus, ohne sich darum Gedanken zu machen, wie es aufgenommen wird. Augustinus: Liebe und tue, was du willst! Vielleicht ist man solange des Vertrauens unfähig, wie man annimmt, dass auch die anderen dabei mitspielen müssten. Dass es ohne sie nicht geht. Solange man dies glaubt, bleibt man an ihnen hängen. Aber ist Vertrauen nur wirklich, wenn es bestätigt wird? Ist nicht der ganze erste Absatz Unsinn?

Montag, 20. Mai 2013

Nicht zu suchen

Zur Wahrheit führt kein Pfad, und darin liegt ihre Schönheit; die Wahrheit ist etwas Lebendiges. Eine tote Sache hat einen Pfad, der zu ihr führt, weil alles Tote statisch ist. Wenn du aber erkennst, dass die Wahrheit etwas Lebendiges ist, das in Bewegung ist, das keine bleibende Stätte hat, das in keinem Tempel, keiner Moschee oder Kirche zu finden ist, wohin dich keine Religion, kein Lehrer, kein Philosoph führen kann - dann wirst du auch erkennen, dass dieses Lebendige das ist, was du in Wirklichkeit selbst bist - dein Ärger, deine Rohheit, deine Heftigkeit, deine Verzweiflung, die Trübsal und das Leid, darin du lebst.

In dem Versuch, sich mit der Ideologie in Einklang zu bringen, unterdrückst du dich, während die eigentliche Wahrheit nicht in der Ideologie steckt, sondern in dem, was du tatsächlich bist. Wenn du versuchst, dich zu erforschen und dich dabei nach einem anderen ausrichtest, wirst du immer ein Mensch bleiben, der aus zweiter Hand lebt.

Und das ist das erste, das zu lernen ist: nicht zu suchen! Solange du suchst, machst du nur einen Schaufensterbummel.

Jiddu Krishnamurti

Sonntag, 19. Mai 2013

Zu spät

Solange noch der Impuls in mir brennt, mich auf irgendeine Weise vor mir selbst zu rechtfertigen, kann ich mich nicht kennenlernen. Ich will mich verstehen und habe es doch nur mit alten Worten zu tun, die mir von irgendwoher angespült worden sind. Solange ich nur über mich nachdenke, kann ich mich nicht erfahren. Ein Gedanke kann aus der Erfahrung stammen; wenn ich ihn aber denke, erfahre ich ihn nicht. Die Gedanken sind immer schon alt. Sie kommen zu spät. Deshalb kann ich die Frische und Jugendlichkeit des Augenblicks nicht denkend erschließen.

Samstag, 18. Mai 2013

Draußen bleiben

Vielleicht würde Jesus nicht in jenen Himmel einziehen, den er verkündet hat. Ich stelle mir vor, dass er, begleitet von einer Armee von Heiligen, Priestern und Engeln, einherschreitet, geradewegs auf das Tor zu, hinter dem das Paradies beginnt. Ein sanftes Lächeln liegt auf seinem Gesicht. Wie balzende Schmetterlinge fliegen die Engel durch die Luft; die kleinsten sind am beweglichsten, am schnellsten. Alles freut sich. Der ersehnte Tag ist endlich gekommen. Das Leid hat ein Ende.

Eine verlorene Seele bewacht das Tor zum Paradies. "Was wollt ihr hier?", fragt sie, als ob sie von den Vorkommnissen auf der Erde rein gar nichts wüsste. Jesus, der das heilige Gewimmel anführt, antwortet ihr mit dem Ausdruck größter Zärtlichkeit: "Wir kommen, um in das versprochene Land einzuziehen. Der Tag ist gekommen." Die verlorene Seele holt einen dicken, verstaubten Aktenordner aus dem Regal. "Das sind die Leute, die wir hier reinlassen können. Wenn Sie mir bitte Ihren Namen sagen würden?"
"Ich heiße Jesus Christus, ich habe die Welt erschaffen - und doch auch wieder nicht, weil ich ja als Mensch vor wenigen Jahren erst geboren wurde. Ist alles nicht so einfach bei uns bzw. bei mir."
"Kenne ich. Mit solchen Familien habe ich hier oft zu tun. Glauben Sie mir, da könnte ich so einiges erzählen! Ich kann aber leider keinen Eintrag finden. Sie dürfen hier nicht rein."
"Da muss ein Irrtum vorliegen."
"Hier stehen noch ein paar Vermerke. Darin wird alles erklärt. Sekunde ... okay. Also: Sie müssen draußen bleiben, weil Sie dem Übel widerstanden haben, ohne je auch nur einen Moment ihres Lebens böse gewesen zu sein. Sie haben nicht aus der Fülle des Seins heraus gelehrt, sondern haben sich auf das Gute allein beschränkt. Sie haben zu wenig gesündigt. Sie wissen gar nicht, wovon Sie die Welt erlösen sollten, weil die Sünde in Ihnen niemals lebendig gewesen ist. Das Herz der Welt blieb Ihnen verschlossen. Steht da."

Jesus verstummt. Tränen steigen ihm in die Augen. Er wendet sich einem Kamel zu, um sich an dessen Hals zu klammern, so wie sich ein Ertrinkender an eine Boje klammert. Langsam sinkt er in sich zusammen. Zieht das Tier mit sich hinab. Das Kamel befreit sich, der gescheiterte Gott bleibt auf dem Boden liegen. Wie ein Embryo im Mutterleib rollt er sich zusammen, um den verstörten Blicken der Heiligen zu entgehen und für alle Zeiten zu weinen.


Freitag, 17. Mai 2013

Der ewige Tod

Natürlich ist nach diesem Leben Schluss. Es gibt auch überhaupt keinen Grund, über diese Frage ernsthaft nachzudenken. Das sind nichts als theologische Träumereien, die sich nur deshalb hartnäckig halten, weil sie sich psychologisch ausbeuten lassen. Wenn religiöse Menschen über ihren Glauben reden, geben sie oft mit größter Naivität zu, dass ihnen die Vorstellung eines ewigen Lebens mehr zusagt, als die Aussicht, für immer zu verwesen. Sie beweisen damit nicht die Existenz eines Himmels oder eines späteren Lebens, sondern nur ihre Unfähigkeit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Jeder Mensch weiß, dass er sterben und dass sein Tod ewig wird. Jeder. Etwas zu wissen bedeutet für ihn allerdings nicht zwangsläufig, dass er es auch wahrhaben wird ...

Zieht den Toten doch einmal die Lider hoch und schaut ihnen tief in die gebrochenen Augen. Glaubt ihr wirklich, dass von diesen Menschen noch irgendetwas existiert, wenn auch nur an irgendeinem fernen, überirdischen Ort? Dass von ihm etwas in einer anderen Reinkarnation fortlebt? Beobachtet sie Fliege, die sich auf die Stirn dieses toten Kindes gesetzt hat. Glaubt ihr wirklich, dass von diesem Kind mehr übrig bleibt, als der Schmerz in den Herzen seiner Eltern?

Donnerstag, 16. Mai 2013

Der Glaube an die Menschen

Das Wichtigste ist, dass man den Glauben an die Menschen nicht verliert. Wenn es an dem mangelt, ist alles andere sinnlos, da bin ich fest überzeugt. Es kommt nur darauf an, ob ich diesen Glauben habe, nicht darauf, ob er sich auf irgendeine Weise bestätigt. Ich habe nicht die Zeit, jeden Menschen erst daraufhin abzuklopfen, ob er diesen Glauben verdient oder nicht. Ich setze ihn einfach voraus. Bei jedem Menschen gehe ich davon aus, dass die Keime ungeahnter Schönheiten und Freuden in seiner Seele schlummern. Entsprechend behandele ich ihn.

Beispiele? Ohne diesen Glauben verliert ein Lehrer schnell die Geduld, wenn sich seine Schüler daneben benehmen. Hat er aber diesen Glauben kultiviert, dann glaubt er, dass aus ihnen großartigen Menschen werden, ganz unabhängig davon, was sie jetzt verbocken mögen - und genauso behandelt er sie. Sie werden es ihm danken. Eine Frau, die nicht an die Zukunft ihres Kindes glaubt, kann keine gute Mutter sein. Wer will, dass seine Kinder erwachsen werden, muss sie nur wie Erwachsene behandeln. Es gibt überhaupt keinen Grund, an diesem Glauben auch nur eine Sekunde lang zu zweifeln. Alle Probleme fangen damit an, dass dieser Glaube brüchtig wird und durch Gründe gestützt werden soll. Es ist ein großes Geschenk, an die Menschen glauben zu können. Ich denke nicht, dass jemand glücklich werden kann, der in diesem Punkt schwankt.

Spasmen des Ehrgeizes

Kultur? Leistung? Ich sehe nur die Spasmen eines fehlgeleiteten Ehrgeizes. Je nichtiger sich ein Mensch vorkommt, desto phantastischer müssen seine Werke sein. Er braucht sie, um die neugierigen Blicke, die sonst ihm gegolten hätten, auf etwas abzulenken, über das er die volle Kontrolle hat. Was er schafft, liegt ganz in seiner Hand. Das gilt auch für die Tätigkeiten, denen er sich widmet. Niemand darf in sein Herz schauen und den unendlichen Durst dieses Herzens erahnen. Er liebt es, mit dem gleichgesetzt zu werden, was er tut. Als Geistesmenschen, großes Tier oder Partylöwen sieht er sich gerne gesehen. Er wird bewundert. Niemand kann leugnen, dass er "was auf dem Kasten" und viele seiner Talente glänzend ausgebildet hat. Er braucht die Anerkennung, die seinen Werken gelten. Er braucht sie, um sie auf sich zu beziehen, um etwas durch sie zu sein. Wer ihn erreichen will, muss diesen Umweg zu ihm gehen. Alle anderen Wege liegen verschüttet.

Dienstag, 14. Mai 2013

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse